Interview mit einer Hure
7Q2 – 7 Fragen heute an ein ‘streetgirl’ irgendwo in Deutschland …
1. Der Anfang | wie bist du zu dem Job gekommen – Ausbruch aus behüteten Verhältnissen?
Als ich 15 war, habe ich bei einer Freundin immer neue Klamotten gesehen und gemerkt, dass sie reichlich (naja, für Teenager zumindest) Geld hatte, obwohl ihre Familie alles andere als gut situiert war. Ich habe sie mal gefragt und sie hat mir gesagt, wie sie dazu kam. Nämlich auf einem inoffiziellen Strich, wo sich Mädchen nach der Schule etwas das Taschengeld aufbessern.Sie sagte mir, ich soll das auch mal machen, aber ich hatte Hemmungen. Ein Jahr lang, dann hab ich mich durchgerungen und es wirklich probiert. Ein Ausbruch war das nicht, aber der Reiz des Verruchten und Verbotenen.Ich habe es dann gelegentlich wiederholt, aber nicht oft und vor allem nicht regelmässig. Erst als mein damaliger Freund herausfand, was ich tue, wurde es anders. Er war sofort Feuer und Flamme und erzählte mir, wie locker und cool ich sei. Und das er damit klarkommt und nicht eifersüchtig ist, wenn ich es für uns beide tue und wie das Geld teilen. Und dann manipulierte er mich ziemlich geschickt und meine Naivität half ihm. Ich ging öfter hin und nach einigen Wochen ließ ich mich von ihm auf den regulären Straßenstrich schicken. Das Geld lieferte ich ihm ab, weil er mir erklärte, dass ich kaum zuhause mit soviel Kohle ankommen könnte und er es lieber anlegt, damit wir was davon haben. Ich war schon ein wenig misstrauisch, weil er mich schließlich täglich anschaffen schicken wollte und der große Knall kam kurz darauf, als ich ihn mit einer anderen sah – finanziert und eingekleidet von meinem Geld. So hatte ich mir die Geldanlage nicht vorgestellt und hab Schluss gemacht. Gewaltfrei, aber das Geld war mit ihm weg. Seitdem arbeite ich nur auf eigene Rechnung und bin gut damit gefahren.
2. Der Alltag | Wie läuft der Tag einer Hure ab – Alltagsgefangenschaft oder große Freiheit?
Recht frei, dank einiger glücklicher Umstände. Der wichtigste ist, dass ich eine Handvoll von gutsituierten Stammkunden habe, die mir eine gewisse Grundsicherung garantieren. Aber das erlaubt mir nicht, faul in den Tag hineinzuleben. Wenn ich mal 2 Tage nicht arbeiten gehe, geht das. Wenn ich 3 oder 4 Tage nichts tue, dann muss ich mich hinterher schon anstrengen, um das wieder auszugleichen.
Und es gibt auch eine unangenehme Form der Flexibilität. Wenn wirklich mal ein paar Tage lang nicht viel läuft, dann muss ich es mir später gut überlegen, ob ich einen unangenehmen Kunden wirklich wegschicke oder ob ich mich nicht etwas tiefer als sonst runterhandeln lasse. Mein Leben sonst sieht nicht wahnsinnig anders aus als bei anderen Frauen. Ich habe einen größeren Bedarf an Kondomen, Dessous und dergleichen und zucke weniger oft zusammen, wenn ich nackt aus der Dusche komme und jemand mich von der Straße aus sehen kann. Aber sonst schaue ich fern, habe zwei Vögel, eine Mitbewohnerin, die in einem Supermarkt an der Kasse sitzt und gehe in Kino, Disco und gern auch mal ins Theater.
3. Der Spaßfaktor | Gibt es auch Vergnügen oder steht der Zweck des Geldverdienens klar im Fokus?
Klar gibt es Vergnügen, aber die Konkurrenz ist groß und alle müssen leben. Deshalb steht das Geldverdienen immer im Vordergrund und im Zweifel sollte man nicht mit Solidarität untereinander rechnen.
4. Die Angst | Welche Rolle spielt sie in deinem täglichen Tun – beherrscht sie dich oder du sie?
Ich beherrsche sie, sonst könnte ich das nicht tun. Potentiell gehe ich immer ein Risiko ein – in jedem Auto kann man mich abstechen, hinter jeder Hoteltür brutal foltern, in jedem Hauseingang kann jemand sein, der es auf mich abgesehen hat. Dazu kommen Dinge, die weniger dramatisch, aber trotzdem gefährlich sind, etwa ein geplatztes Kondom. Ich bin ständig wachsam, aber ich passe auf, nicht paranoid zu werden.
5. Die Ausnahme | Kam es schon das du ‘Klienten’ ihre Rechnung erlassen hast und sich vielleicht Freundschaften oder Beziehungen ergeben haben?
Es gibt einen Stammkunden, den ich fast seit Beginn besuche und dem ich einiges verdanke. Bei dem schaue ich nicht mehr auf die Uhr und verzichte auch auf Absprachen, was Dienstleistungen und Bezahlung angeht. Er gibt mir hinterher etwas und ich zähle nicht nach. Und ich mache gewiss keinen Verlust. Aber das ist die Ausnahme. Freundschaft kann ich es nicht nennen, aber wir gehen sehr freundschaflich miteinander um und zu den Festtagen gibt es kleine Präsente. Beidseitig.
Das Geld erlassen habe ich einmal. Auf der Straße hatte ich einen Freier, mit dem ich eine Standardnummer im Auto machte. Zwei Stunden später kam er wieder, sehr kleinlaut und stotternd, gemeinsam mit einem Mädchen. Sie waren beide nicht sehr alt, vielleicht 19 oder 20. Es stellte sich heraus, dass er seine letzten 40 Euro in mich investiert hatte, im Vertrauen darauf, dass sie noch genug Geld hatte. War aber nicht so und noch einiges an Monat übrig. Immerhin hat er ihr die Wahrheit gebeichtet und sie hat gesagt, zeig mir die Frau, mit der Du unser letztes Geld verfickst.
Er tat mir nicht leid, aber sie umso mehr. Deshalb habe ich ihr das Geld gegeben, mir aber versprechen lassen, dass er keinen Cent davon in die Hand bekommt. Zwei Wochen später stand er wieder vor mir. Ich machte mich schon bereit, ihm einen moralischen Vortrag zu halten (eine sehr skurrile Situation, zugegeben, aber naja). Aber er wollte nichts von mir, sondern drückte mir einen 50er in die Hand und sagte, er musste seiner Freundin versprechen, mir das zu geben, sonst hätte sie Schluss gemacht mit ihm. Und hat gedroht, bei mir nachzufragen. Hat sie nicht getan, aber gewirkt hat es wohl.
6. Das Milieu | Drogen,Mafia,Bandenkrieg – Alles Film oder Wirklichkeit?
Ja. Nein. Beides. Es gibt den Drogenstrich, es gibt 13jährige, die sich für ein paar Euro anbieten, es gibt Zuhälter, es gibt Gewalt. Aber nicht nur. Es gibt auch den Alltag und ganz normale Hausfrauen und Studentinnen, die sich ihr Budget aufbessern und gar nicht unglücklich sind damit. Und auch der Zuhälter ist nicht mehr unbedingt der klassische Schläger sondern oft ein Partner, der den Haushalt schmeisst, Kinder hütet, die Frau chauffiert und sie beschützt. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille.
7. Das Ende | Wie lange willst du noch als Hure arbeiten und was kommt danach?
Ich plane bis Mitte 30, also etwa noch 10 Jahre. Bis dahin möchte ich mir noch etwas ansparen und ein Studium absolvieren. Was, das habe ich noch nicht entschieden, aber sicher etwas, was ich als berufliche Grundlage nutzen kann.
Das Blog!
Streetgirl bloggt auf der twoday.net Plattform unter streetgirl.twoday.net und schreibt dort seit kurzem was sie erlebt, wie es Mitstreitern ergeht und erklärt den Alltag eines ‚Streetgirls’. Was das Blog von anderen unterscheidet ist, dass Streetgirl auf die vielen Fragen von Menschen eingeht, die sich für den Menschen hinter der Dienstleistung interessieren –> www.streetgirl.twoday.net

Samstag, 22. Dezember 2007 18:48
[...] und man glaubt gar nicht welche Wortkombinationen manche suchen. Anlass hierfür war aber mein Interview mit dem Streetgirl. Tja das ist mein Jahr 2007 in einer zusammengefassten Form. Was bringt das [...]
Montag, 26. Mai 2008 20:31
[...] Zeit ist vergangen seit dem letzten “7Q2″ Eintrag, meinem “Interview mit einer Hure” das mir so komische Suchbegriffe beschert haben.. ich kann euch sagen. Aber das Warten hat [...]
Montag, 8. März 2010 12:01
ist eigendlich doch ein ganz normales leben
Dienstag, 9. März 2010 8:43
…scheinbar ein ganz normaler Job!…